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Gipfeltreffen der Zeckenforscher: Interview mit Prof. Jochen Süss
Up-date Zeckenwissen: So kommen Sie sicher durch die Saison
Impfmüdigkeit: ein aktuelles Problem
Gipfeltreffen der Zeckenforscher: Interview mit Prof. Jochen Süss
Vom 24.-26. März findet in Jena das „International Jena Symposium on Tick-borne diseases“ statt, kurz IJSTD. Das Symposium versammelt nun schon zum elften Mal Experten rund um das Thema Zecken zum gemeinsamen Erfahrungs- und Wissensaustausch. Die Redaktion von www.zecken.de sprach mit einem der Organisatoren, Priv.-Doz. Dr. Jochen Süss, Direktor und Professor am Friedrich-Loeffler-Institut in Jena.
Das Symposium in Jena ist eine Plattform für Experten aus der ganzen Welt. Was sind das für Menschen, die sich dort treffen?
Prof. Süss: Die Veranstaltung findet seit 1990 alle zwei Jahre statt und geht in diesem Jahr in die elfte Runde. Mittlerweile ist das Symposium zu einer Plattform geworden, auf der sich 200 bis 300 Forscher aus aller Welt treffen. In diesem Jahr werden 51 Vorträge und mehr als 70 Posterpräsentationen von Experten aus verschiedenen Disziplinen, Biologen, Humanmediziner, Veterinäre, Ökologen und Klimaforscher, verhandelt. Das Symposium ist eine Gelegenheit zum Austausch für Wissenschaftler aus verschiedensten Regionen der Welt: neben Mitteleuropa, Skandinavien, dem Baltikum und den USA sind auch Russland, die Mongolei und Kasachstan vertreten, insgesamt Forscher aus 30 Ländern.
Was sind die aktuellen Schwerpunkte der Zeckenforschung auf diesem Kongress?
Prof. Süss: Das IJSTD trägt in diesem Jahr den Titel Einfluss der Genetik auf Ökoepidemiologie und Pathogenese. Dahinter verbergen sich Fragen wie: welche genetischen Eigenschaften muss ein von Zecken übertragener Erreger aufweisen, um Mensch und Tier krank zu machen? Wie schafft es das FSME-Virus, in das Gehirn einzudringen? Durch welche Mechanismen wird der Mensch tatsächlich krank?
Welche neuen Erkenntnisse gibt es?
Prof. Süss: Auf dem Symposium werden u. a. neue Daten aus verschiedenen Forschungszweigen diskutiert: Zum Beispiel eine aktuelle Studie, in deren Rahmen FSME-Patienten mit schwersten Verläufen über zehn Jahre hinweg beobachtet wurden. Daneben gibt es neue Befunde in der molekularbiologischen Klassifizierung von Zecken verschiedener Entwicklungsstadien und aktuelle Daten zur Wirksamkeit der FSME-Impfung.
Gibt es neue Erkenntnisse in der FSME-Forschung?
Prof. Süss: Bisher war man der Ansicht, dass es drei große Subtypen des FSME-Virus gibt, die geografisch voneinander getrennt sind: den mitteleuropäischen, den sibirischen und den fernöstlichen. Dabei wird der mitteleuropäische Typ von der auch in Deutschland heimischen Zeckenart Ixodes ricinus übertragen, die anderen beiden von der sogenannten „Taigazecke“ Ixodes persulcatus. Je genauer man hinsieht, desto eher werden Ausnahmen von der Regel erkennbar: Mittlerweile ist der sibirische FSME-Subtyp auch in Finnland aufgetaucht, und das mitteleuropäische Virus wurde in einer Taigazecke nachgewiesen. Das hat uns gezeigt, dass man nicht mehr ausschließlich in den bekannten Kategorien denken darf.
Welchen konkreten Nutzen haben diese Erkenntnisse?
Prof. Süss: Wissenschaftliche Erkenntnisse können zum Beispiel auf die Gesundheitspolitik umgelegt werden: Wenn bekannt ist, dass die FSME in einem bestimmten Gebiet vermehrt auftritt, kann dort eine Impfempfehlung ausgesprochen werden. Wenn neue Erreger entdeckt werden und man diese charakterisiert, können Abwehrstrategien bedacht werden. Ebenso kann man Zeckenstiche nur dann optimal vermeiden, wenn man die Biologie der Zecke genauer kennt, usw.usf.
Welchen Beitrag leistet die Forschung zum Schutz vor Zecken?
Prof. Süss: Neben der Grundlagenforschung behandeln wir in Jena auch ganz praktische Fragen. Eine Forschergruppe beschäftigt sich beispielsweise damit, mit welchen Methoden auf der Kleidung verbliebene Zecken am besten getötet werden. Daraus lassen sich konkrete Handlungsanweisungen für die Bevölkerung ableiten. Dabei geht es nicht darum, den Menschen von einem Aufenthalt in der Natur abzuraten – sondern darum, über mögliche Gefahren informiert zu sein und sich zu schützen.
Was macht die Zecke als Forschungsobjekt so spannend?
Prof. Süss: Die Zecke wird von Forschern als „Vektor“ bezeichnet: Also ein Lebewesen, das unterschiedliche Krankheitserreger beherbergt und diese auf Menschen und Tiere übertragen kann. In den letzten zwanzig Jahren gab es in Europa z.B. 170.000 Fälle von FSME – und das bei einer enorm hohen Dunkelziffer, denn eine Vielzahl von Fällen wurde vermutlich nie erkannt oder gemeldet. Die Borreliose, eine weitere von Zecken übertragene Erkrankung, schlägt Jahr für Jahr in Deutschland mit geschätzten 60-80 Tausend Erkrankten zu Buche. Darüber hinaus überträgt kein anderes Tier so viele unterschiedliche Erreger: Viren, Bakterien und einzellige Protozoen wie z.B. den Überträger der als „Hundemalaria“ bekannten Babesiose.
Was waren Ihrer Meinung nach die wichtigsten Erkenntnisse der Zeckenforschung in den letzten 20 Jahren?
Prof. Süss: Dank intensiver Forschungsarbeit verstehen wir heute das Zusammenspiel der für die Krankheitsübertragung relevanten Faktoren besser: Das ist einmal die Zecke als Vektor, dann die Krankheitserreger selbst und schließlich die Wirte – also Tiere und letztlich auch der Mensch. Auch auf dem Gebiet der Impfstoffentwicklung hat sich viel getan. Moderne FSME-Impfstoffe sind überaus wirksam und gut verträglich. Viel Forschungsarbeit muss noch geleistet werden, um einschätzen zu können, welche Faktoren die Ausbreitung von Zecken und Krankheitserregern begünstigen und welchen Einfluss z.B. der Klimawandel hat.
Was erhoffen Sie sich von der Zeckenforschung in den nächsten Jahren?
Prof. Süss: Ziel ist es, in Zukunft über bessere Abwehrstrategien zu verfügen: Dabei geht es einerseits um die Entwicklung von Impfstoffen, andererseits aber auch um verbesserte Maßnahmen zum Schutz vor Zeckenstichen. Eine spannende Perspektive sind außerdem Impfstoffe, die nicht vor bestimmten Erregern, sondern vor der Zecke selbst schützen: Solche „Zeckenimpfstoffe“ würden zu Abwehrreaktionen führen, sobald die Zecke versucht, Blut zu saugen. Die Folge: Die Zecke kann ihre Blutmalzeit nicht erfolgreich verrichten und fällt ab.
Up-date Zeckenwissen: So kommen Sie sicher durch die Saison
Mit den ersten warmen Tagen stellt sich Jahr für Jahr die Frage: Wie kommt man möglichst unbeschadet durch die anstehende Zeckensaison? Hier noch einmal die wichtigsten Verhaltensregeln – gestützt durch die neusten Erkenntnisse der Zeckenforschung.
- Tragen Sie lange, geschlossene Kleidung. Besonders effektiv sind Gummistiefel oder in die Socken gesteckte Hosenbeine.
- Auf heller Kleidung sind Zecken leicht zu erkennen – und können entfernt werden, noch bevor sie zustechen.
- Zeckenabweisende Mittel, so genannte Repellents, halten Zecken eine zeitlang auf Abstand, sind aber insgesamt wenig verlässlich.
- Nach einem Aufenthalt im Freien gründlich absuchen – besonders in Kniekehlen, Achselhöhlen und im Schritt. Bei Kindern auch den Kopf untersuchen.
- Zecken schnell entfernen – am besten mit einer Zeckenzange oder einer Pinzette. Der Effekt: Die Gefahr einer Borreliose kann durch schnelles Entfernen minimiert werden. Borreliose-Bakterien brauchen 12 bis 24 Stunden, um in den menschlichen Organismus zu gelangen.
- Beobachten Sie nach einem Zeckenstich die Einstichstelle: Eine kreisförmige Rötung könnte ein Zeichen für eine Borreliose sein und sollte ärztlich abgeklärt werden.
- Die Südhälfte Deutschlands gehört beinahe flächendeckend zu den Risikogebieten für die von Zecken übertragene Hirnhautentzündung FSME. Menschen, die hier leben, arbeiten oder Urlaub machen, sollten sich impfen lassen.
- Wer bereits gegen FSME geimpft ist: Alle drei bis fünf Jahre ist eine Auffrischimpfung fällig. Ob Ihr Impfschutz zu Beginn der neuen Saison noch frisch ist, stellt Ihr Arzt durch einen Blick in den Impfpass fest.
- Vor einer geplanten Reise: Informieren Sie sich über die FSME-Situation in der Zielregion. Eine Übersicht der Risikogebiete in Deutschland und Europa liefert die Seite www.zecken.de
Impfmüdigkeit: Ein aktuelles Problem
Vorbeugen ist besser als heilen – diese Weisheit findet zwar breite Zustimmung, bestimmt aber dennoch nicht immer das Handeln der Bevölkerung. Ein Beispiel: Die so genannte Impfmüdigkeit führt dazu, dass empfohlene Schutzimpfungen vernachlässigt werden. Daher können Krankheiten, gegen die eigentlich ein wirksamer Schutz zur Verfügung steht, immer wieder auftreten.
Die Tatsache, dass Kinder und Erwachsene in Deutschland oft nur unzureichend geimpft sind, wurde aktuell auf der zweiten Nationalen Impfkonferenz vom 8.-9. Februar in Stuttgart thematisiert. Die Konferenz geht auf eine Initiative der Gesundheitsminister der Länder zurück. Die Experten appellierten an Ärzte und Bevölkerung, den Impfschutz nicht zu vernachlässigen. Prof. Dr. med. Elisabeth Pott von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sieht gemäß Infektionsschutzgesetz die „Unterstützung eigenverantwortlichen Handelns durch Information und Aufklärung“ als zentrales Anliegen. Ziel der Aufklärungsarbeit der BZgA ist, dass Grundimmunisierungen und Auffrischimpfungen entsprechend den Impfempfehlungen durchgeführt werden und sich die Impfbereitschaft der Bevölkerung möglichst erhöht.
Impfungen gehören zu den wirksamsten Schutzmaßnahmen vor schweren Infektionskrankheiten. Dass gesetzte Impfziele in Deutschland bisher nicht erreicht wurden, ist nicht zuletzt auch ein Ergebnis der großen Wirksamkeit der Impfungen selbst: Krankheiten, die vor wenigen Generationen noch weit verbreitet und gefürchtet waren, haben heute durch ihr seltenes Auftreten den Schrecken verloren. Die Impfmüdigkeit der Bevölkerung äußert sich zum Beispiel bei den üblichen Kinderimpfungen, wie eine Umfrage der BZgA unter etwa 3000 Eltern im Zeitraum Oktober bis November 2010 belegt. Aber auch die Impfung gegen die von Zecken übertragene FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) ist betroffen. Anders als bei Infektionskrankheiten, die von Mensch zu Mensch übertragen werden, erzeugt die Impfung gegen FSME keinen Kollektivschutz. Jeder Einzelne muss daher für einen persönlichen Impfschutz Sorge tragen.
Insgesamt steigt die Durchimpfungsrate gegen FSME in Deutschland kontinuierlich an, wie Studien der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) aus den Jahren 2005 bis 2010 belegen. Dennoch: Obwohl in den FSME-Risikogebieten rund 50 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal gegen FSME geimpft wurden, weisen nur rund 30 Prozent eine abgeschlossene Grundimmunisierung auf. Personen, die keine vollständige Grundimmunisierung erhalten haben, sind nach Aussage des Robert-Koch-Instituts (RKI) jedoch ähnlich gefährdet an FSME zu erkranken wie Ungeimpfte.
Wie effektiv die Zurückdrängung der FSME-Erkrankungen durch Impfung sein kann, zeigt das Beispiel Österreich: durch eine breit angelegte Aufklärung der Bevölkerung konnte eine kontinuierliche Durchimpfungsrate von 86-88 Prozent erreicht werden. Mit der Zunahme der Impfrate in Österreich ist die Zahl der jährlichen FSME-Erkrankungen von 700 in der Zeit vor Einführung der Impfung auf etwa 70 Fälle zurückgedrängt worden.
Quelle: Abstractband 2. Nationale Impfkonferenz: Impfen - Wirklichkeit und Vision





