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„Zeckenwetter“: Neuer Infodienst zur Zeckenaktivität von morgen

Zecken und Klima – ein komplexer Zusammenhang

Ein Frühwarnsystem für FSME?

 

 

 

„Zeckenwetter“: Neuer Infodienst zur Zeckenaktivität von morgen

Seit Mai 2010 wird unter www.zeckenwetter.de die aktuelle Zeckenaktivität vorhergesagt. Die Redaktion von www.zecken.de sprach mit dem Biologen Dr. Olaf Kahl, Geschäftsführer und Mitbegründer des „Zeckenwetters“ der Firma tick-radar GmbH (Berlin).

Was bedeutet es eigentlich, wenn Zecken „aktiv“ sind?

O. Kahl: Den größten Teil ihres Lebens verbringen Zecken geschützt in der bodennahen Laubstreu. Erst wenn die Zecke auf die aktive Suche nach einem Wirt geht, verlässt sie die schützende Laubstreu und strebt exponierte Stellen an, beispielsweise die Spitze eines Grashalms. Diese Wirtssuche bezeichnen wir als „Zeckenaktivität“.

Welche Bedingungen bevorzugen Zecken, um aktiv zu sein?

O. Kahl: Das ist eine recht komplizierte Angelegenheit. Wichtige Faktoren sind in jedem Fall Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Trotzdem reicht ein Blick auf den aktuellen Wetterbericht nicht aus, um die Zeckenaktivität zuverlässig zu bestimmen. Das Wetter der letzten Wochen spielt ebenfalls eine Rolle, genau wie die Jahreszeit und der Zustand der Zecken.

Welche Daten legen Sie Ihrer Prognose zugrunde?

O. Kahl: Wir verwenden aktuelle Wetterdaten, die Wettervorhersage und die Daten der jüngsten Wetterhistorie, etwa der jeweils vorausgegangenen zwei Wochen. Zusätzlich kommen echte Zecken zum Einsatz: Wir haben unser biologisches Fachwissen genutzt, um Zeckenstationen zu entwickeln, in denen wir die Aktivität der Zecken direkt beobachten können.

 

Wie sieht ein solche „Zeckenstation“ aus?

O. Kahl: Eine Station besteht aus 15–20 Parzellen, in denen wir je ca. 220 Zecken ausgesetzt haben. Die Parzellen bilden den natürlichen Lebensraum der Zecken nach und berücksichtigen ihre Ansprüche: Sie befinden sich im Wald in der freien Natur und besitzen ganzjährig eine Laubstreuschicht. Vertikal aufgestellte Holzstäbe in jeder Parzelle erfüllen die Funktion von Grashalmen. Sobald sich Zecken oben auf diesen Holzstäben befinden, wissen wir: Sie sind aktiv geworden.

 

 

So sieht eine Parzelle in einer Zeckenwetterstation aus

Für wen ist die Zeckenprognose von Interesse?

O. Kahl: Unsere Vorhersage richtet sich an alle, die die Natur entspannt, aber informiert genießen wollen. Zum Beispiel können sich Familien vor einem Aufenthalt in der Natur über das aktuelle Risiko informieren. Auch für Ärzte ist das Zeckenwetter eine Möglichkeit festzustellen, ob sie bei einer Diagnose auch von Zecken übertragene Krankheiten in Betracht ziehen müssen, z.B. wenn Zecken überraschenderweise auch im Winter aktiv sind. Dabei geht es nicht darum, bei erhöhter Zeckenaktivität zu Hause zu bleiben. Aber man kann bestimmte Maßnahmen ergreifen, um sich zu schützen.

Welche Maßnahmen sind das?

O. Kahl: Auf unserer Internetseite www.zeckenwetter.de gibt es neben der aktuellen Vorhersage immer auch entsprechende Praxistipps, wie sich die Menschen vor Zecken schützen können. Bei sehr hoher Zeckenaktivität ist man auf Waldwegen sicher besser aufgehoben als im hohen Gras. Auch zeckenabweisende Mittel sind eine sinnvolle Maßnahme. Einen 100-prozentigen Schutz gibt es nicht, aber das Risiko eines Zeckenstichs lässt sich mit entsprechendem Verhalten doch deutlich senken.

Was raten Sie Menschen, die sich in Risikogebieten für die von Zecken übertragene Hirnhautentzündung FSME aufhalten oder dort leben?

O. Kahl: Das FSME-Virus wird direkt übertragen, nachdem eine infizierte Zecke zugestochen hat, und eine ausgebrochene FSME kann nicht ursächlich behandelt werden. Die Impfung ist daher nicht nur ein wirksamer, sondern auch der einzige Schutz gegen die Krankheit. Menschen, die sich in Risikogebieten aufhalten und dort möglicherweise Zeckenstichen ausgesetzt sind, sollten daher eine Impfung in Betracht ziehen und sich mit ihrem Arzt absprechen.

 

 

Zecken und Klima – ein komplexer Zusammenhang

Je wärmer, desto mehr Zecken – das könnte man zumindest annehmen.  Dass es so einfach nicht ist, zeigen die Erfahrungen der letzten Jahre. Langfristige Vorhersagen über das Vorkommen von Zecken und den von ihnen übertragenen Krankheiten haben sich bisher als wenig verlässlich erwiesen.

 

Ein aktuelles Beispiel ist der harte Winter 2009/2010: statt zu erfrieren, haben Zecken den Winter in der Laubstreu hervorragend überstanden. Sobald die tiefen Temperaturen vorüber waren, krochen die kleinen Blutsauger wieder unversehrt aus dem Unterholz hervor. Das bestätigt Dr. Gerhard Dobler vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München: „Der lange und kalte Winter hatte auf die Zeckenpopulation keinerlei Auswirkungen.“ In regelmäßigen Abständen geht der Biologe auf Zeckenjagd. Dabei setzt er eine als „Flagging“ (von englisch „Flag“ für Fahne) bekannte Methode ein: Ein weißes Tuch wird in Bodennähe über die Vegetation gezogen. Die Zecken verhaken sich darin und können gezählt werden. „Es ist immer wieder überraschend zu sehen, wie viele von den kleinen Plagegeistern es tatsächlich gibt. Manchmal hängen schon nach fünf Metern zwanzig Exemplare in der Fahne“, berichtet Dobler. Und: „An den Standorten, die wir regelmäßig untersuchen, scheinen es sogar mehr zu werden.“

 

Faustregeln für das Vorkommen von Zecken und den von ihnen übertragenen Krankheiten gibt es nicht: „Man kann nicht vom Herbst eines Jahres auf die Zeckendichte im nächsten Frühjahr schließen“, erklärt Dobler: „wir haben bisher keine Methode, um zuverlässige langfristige Prognosen zu machen.“

 

Zecken werden mit einem weißen Baumwolltuch gefangen

Das zeigte sich auch nach dem „Zeckenrekordjahr“ 2006. Trotz mildem Winter waren 2007 wieder deutlich weniger Zecken unterwegs – und auch die Erkrankungszahlen der von Zecken übertragenen Hirnhautentzündung FSME sanken vorübergehend ab: „Wir wissen nicht genau warum, aber ab Juni gab es 2007 kaum noch Zecken.“, so Dobler. Auch hier zeigt sich: Allein anhand von Klimadaten lässt sich das Vorkommen von Zecken nicht vorhersagen – und ebenso wenig das Risiko für den Menschen.

 

„Für das tatsächliche Risiko ist das aktuelle Wetter oft wichtiger als das langfristige Klima“, erklärt Dobler. Es bestimmt erstens, wie viele Zecken aktiv sind und zweitens, ob Menschen überhaupt mit ihnen in Kontakt kommen. Kurzfristig lässt sich also durchaus vorhersagen, wie hoch die Zeckengefahr an bestimmten Tagen ist. Genau dies versuchen aktuell die Biologen Dr. Olaf Kahl und Dr. Hans Dautel: Mit ihrer „Zeckenwetterstation“ sind sie in der Lage, die Zeckenaktivität für eine bestimmte Region und einen begrenzten Zeitraum anzukündigen. Aktualisiert wird die Vorhersage alle zwei bis drei Tage. Auch hier reicht der Blick auf das Klima nicht, betonen die beiden Forscher: „Wir verwenden für unsere Prognose Wetter- und Mikroklimadaten und beobachten zusätzlich das Verhalten echter Zecken in unseren eigens entwickelten Zeckenwetterstationen.“ Und: Das Zeckenwetter gilt nicht für einen längeren Zeitraum, sondern wird mindestens zweimal pro Woche unter www.zeckenwetter.de auf den neusten Stand gebracht.

 

 

 

Ein Frühwarnsystem für FSME?

Wissenschaftler um Professorin Sarah Randolph erforschen, wo und wie sich in den nächsten zehn bis fünfzig Jahren FSME-Risikogebiete entwickeln.

 

Es scheint trügerisch einfach: Die Klimaforscher sagen für die Zukunft wärmere Sommer voraus. Die Menschen glauben, dass Zecken warmes Wetter lieben, also wird es viel mehr Zecken als früher geben. Wenn die Tiere den FSME-Virus in sich tragen, so könnten mehr Menschen als früher infiziert werden. Die Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME) ist eine ernste Krankheit, die – einmal ausgebrochen – nicht ursächlich therapiert werden kann.

 

„Doch so einfach sind solche Vorhersagen nicht“, sagt die Zoologin und Zecken-Forscherin Sarah Randolph aus Oxford. „In dem größten Teil von Europa sollen laut Klimaforscher die Sommer eher trocken sein. Zecken sterben aber schneller bei trockenen heißen Gegebenheiten.“

 

Die Wissenschaftlerin am Zoologischen Institut der britischen Universität Oxford will deshalb ein Vorhersagemodell entwickeln. Sie möchte eine Landkarte Europas von FSME-Gebieten erstellen, aber nicht eine von heute, sondern eine, die einen Blick in die Zukunft wirft. Wie sieht im Jahr 2020 oder im Jahr 2050 die Bedrohung durch FSME-Viren tragende Zecken aus?

„Wenn wir uns die Zahl der FSME-Fälle in den verschiedensten europäischen Ländern von 1960 bis zum heutigen Tag ansehen, sehen wir überall Zuwächse, aber es gibt auch einige Rückgänge. Wenn wir Schweden betrachten, dort gab es zweifellos einen Zuwachs, aber eher zwei plötzliche Sprünge als ein ständiges Ansteigen“ ,erklärt Randolph. „Auch in  Norwegen und Dänemark traten plötzlich 1999 FSME-Fälle bei Menschen auf. Zu sagen, es gebe ein einzelnes Muster des Ansteigens ist zu einfach. Das Klima ist dabei nur ein Faktor von vielen, der Einfluss auf den Wechsel von FSME-Fällen und -Verbreitung hat.“

 

Innerhalb des EDEN-Forschungsprojekts, das sich über fünf Jahre erstreckt und von der Europäischen Union finanziert wird, sammelt sie viele Daten – zusammen mit Wissenschaftlern aus 13 EU-Ländern, wie Ungarn, Litauen oder Tschechien. „Wir müssen die Vergangenheit erklären und die Gegenwart analysieren, um die Zukunft voraussagen zu können“

 

Daten aus dem All helfen bei der Prognose

Für dieses Ziel erhält sie aus den 13 europäischen Ländern, darunter auch Deutschland, die regionalen FSME-Erkrankungen gemeldet. Gesundheitsämter oder Einrichtungen, wie das deutsche Robert-Koch-Institut sammeln diese Daten. Auch über die Veränderung der Umwelt in den FSME-Gebieten bekommt sie Daten. Hat sich das Klima gewandelt? Gab es in den letzten Jahren mehr oder weniger Regen? Gab es einschneidende Veränderungen, etwa durch einen Sturm oder durch Hochwasser?

 

Dabei nutzt die Wissenschaftlerin auch niedrig aufgelöste Fotos, die von Wetter-Satelliten aus dem All geschossen werden. Durch den Vergleich der aktuellen mit älteren Aufnahmen kann sie möglicherweise nachvollziehen, wie sich das Gebiet für die Zecke als Lebensraum, speziell unter dem Einfluss menschlicher Aktivität, entwickelt hat. „Wir beabsichtigen die niedrig aufgelösten Satelliten-Bilder, die das jahreszeitliche Klima zeigen, mit hoch aufgelösten  Bildern, die die Landesoberfläche darstellen, zu kombinieren. Wir hoffen damit, entscheidende Veränderungen zu erkennen“, sagt Randolph.

 

Doch muss sich die FSME-Gefahr nicht unbedingt vergrößern, denn da gibt es noch die Impfung gegen die FSME. So konnte in Österreich die Zahl der FSME-Erkrankten stark verringert werden, da sich mehr als 80 Prozent der Menschen impfen ließen. Zwar gibt es viele Virus-tragende Zecken im Wald, aber im Verhältnis dazu wenige Infektionen. Auch solche Informationen erhält Randolph aus den 13 EU-Staaten.

 

Wenn all diese Daten ausgewertet sind, können die Ergebnisse genutzt werden, um ein Vorhersage-Modell zu entwerfen. „Zurzeit haben wir kein Frühwarnsystem, aber wir können vielleicht eines schaffen. Je besser wir das komplexe System verstehen, desto glaubhafter werden unsere Vorhersagen sein“, so Randolph.

 

 

 

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